blauschwarzberlin. Der Literaturpodcast Folge #76 September 2025

Shownotes

In unserer 76. Folge wird es tierisch literarisch. Wir beginnen mit tentakulärer Poesie von Alexander Graeff und sehen Korallen unter den Linden. Danach finden wir uns mit Anna Maschik in den zyklischen Scheiben einer Familiengeschichte wieder und hören die schweigenden Schafe, wenn sie sterben. Mit Ozan Zakariya Keskinkılıç wollen wir unsere Hundeschnauzen tief in das Fell des anderen stecken und allen Worten eine zweite, dritte, vierte Bedeutung geben. Zwischen Schimpansenpatriarchat und Bonobofürsorge entlarvt Ulli Lust männliche Dominanz bereits als steinzeitliche Fiktion. Das ist sie, die feministische Antwort auf Yuval Noah Harari! Bevor wir uns den Extremwetterlagen in Ostdeutschland widmen, gratulieren wir dem Verbrecherverlag nicht nur zu diesem Buch, sondern auch zum 30. Geburtstag. Und betonen, wie wichtig antifaschistischer Widerstand ist. Immer wieder. Zum Schluss empfiehlt Maria ein hochaktuelles Buch über eine zeitlose Erkenntnis von Antonia Baum und Ludwig die intensive Erkundung einer Mutter-Tochter-Beziehung.

Wir wünschen euch viel Spaß beim Zuhören, beim Nachlesen.

Eure Maria und euer Ludwig von blauschwarzberlin.

Wir danken der Staatsbibliothek zu Berlin für die wieder einmal hervorragende Zusammenarbeit!

© blauschwarzberlin 2025

Transkript anzeigen

00:00:06: Blau-Schwarz-Berlin, der Literatur-Podcast

00:00:09: aus der Stabi.

00:00:11: Wir sind Glutbeglohmann

00:00:12: und Maria-Kristina

00:00:13: Piwowaski.

00:00:14: Und einmal, monat, treffen wir uns und reden über die Bücher, die uns in letzter Zeit beschäftigt

00:00:18: und begeistert haben.

00:00:22: Blau-Schwarz-Berlin, der Literatur-Podcast.

00:00:25: Live aus der Staatsbügel Tugbelin.

00:00:30: Hallo und herzlich willkommen.

00:00:31: Schöne, äh, Sechsen-Siebzigste Blauschwarz-Berlin-Podcast-Folge aus der Stabi-Lieber-Nutwick.

00:00:37: Hallo, guten Abend.

00:00:39: Hallo.

00:00:40: Schön, dass ihr alle da seid.

00:00:41: Wir freuen uns sehr zurück im Alltag.

00:00:44: Zu seinem haben wir letztes Mal schon erzählt.

00:00:46: Wie ist dein Wochenende gewesen?

00:00:49: Jetzt ist ja gerade erst Dienstag.

00:00:50: Jetzt ist es erst Dienstag,

00:00:52: ja.

00:00:52: Und es kommt mir vor, als hätte ich schon die ganze Woche geschafft und morgen wäre Freitag, aber es fragt erst Dienstag.

00:00:56: Ja.

00:00:57: Und es wird ja sogar eine lange Woche, weil ich morgen nach Dresden fahre zum Literaturjetztfestival bis Sonntag.

00:01:02: Da freue ich mich sehr drauf.

00:01:04: Kann man das sagen, was da am Allertollsten sein wird oder ist das ungerecht gegenüber den anderen Sachen, die da stattfinden?

00:01:11: Also, naja, morgen Tenni Erbenbeck, die Eröffnung, da freue ich mich schon sehr drauf.

00:01:15: Dann darf es am Samstag Raphael Rett und Lena Alpresst moderieren.

00:01:20: Und es mit den über ihre Romane und über deutschen Kolonialismus unterhalten.

00:01:24: Und dann kommt abends noch Storytelling-Engines, die machen so eine Art Theater-Performance zu Liv's Trömmquiz.

00:01:30: Ich fühl's nicht.

00:01:32: Da vollstmuss ausser

00:01:32: drauf.

00:01:33: Dresden grüßt schon, heißt es hier in den Kommentaren.

00:01:35: Wir freuen uns also auf jeden Fall sehr, dass wenn ihr in Dresden seid, ihr vielleicht in den nächsten Tagen den Ludwig auf der Straße sehen werdet oder auf der Bühne oder davor, daneben dahinter drum rum.

00:01:45: Folge seventy-six.

00:01:47: Ich

00:01:47: wollte gratulieren.

00:01:48: Mit deiner Trefferquote für die Shortlist.

00:01:50: Dreiunddreißig Prozent der Shortlist hast du hier nämlich schon im Podcast besprochen.

00:01:57: Ich bin ja so schlecht in Mathe.

00:01:58: Aufgeschrieben

00:01:58: in Folge seventy-two.

00:01:59: Ich stehe dir auf meiner Hand.

00:02:01: Ich schreibe mir immer wichtige Sachen auf.

00:02:03: In Folge seventy-two hast du Christine Wundicke Wachs besprochen.

00:02:07: Und ich habe Dorothe Elmiger.

00:02:08: Und in Folge seventy-fünf hast du Dorothe Elmiger, die Holländerin besprochen und ich habe Jehoh Nakitzei, die ist glaube ich auch auf der Schottlist.

00:02:16: Die ist auch auf der Schottlist.

00:02:17: Also zusammen haben wir fünfzig Prozent der Schottlist vorausgesagt.

00:02:21: Meine Güte, man sollte uns für Lottozahlen buchen.

00:02:25: Genau, also...

00:02:26: Darauf posten?

00:02:27: Es gebe auch ein Tipp ab, das weißt du, du magst es nicht, aber ich mag

00:02:29: es nicht.

00:02:30: Aber sag es gerne, die Leute freuen sich.

00:02:31: Ich tippe, dass Christine der Wunnicke gewinnt.

00:02:36: Weil das passt irgendwie zu der Jury und ich glaube nicht, dass es Melle oder Lücher oder so wird.

00:02:41: Ich glaube, es wird

00:02:41: monke.

00:02:43: Ich glaube, du hast keine Ahnung.

00:02:46: Also nicht, dass ich ihr nicht sehr gönnen könnte.

00:02:48: Nur gut,

00:02:48: dass wir ein Literaturpodcast zusammen machen

00:02:50: und

00:02:51: jetzt meine Ahnung absprucht.

00:02:52: Ich glaube, dass man wirklich nicht sagen kann, wer gewinnt.

00:02:55: Mein anstrengendes Leben.

00:02:56: Nein, aber das ist ja auch nichts, was man logisch, also wenn man Jury... Guck mal, ich teile erst mit dir.

00:03:02: Wenn man Jury Entscheidungen vorhersagen könnte, also das weißt du ja genauso gut wie ich, dann

00:03:07: ... Schreibt doch mal in die Commies, was ihr so denkt, wer gewinnt.

00:03:10: Dann werden wir ja mal sehen, wie viel Kristine Wunik ist da.

00:03:13: Dann würdest ihr.

00:03:14: Dann würdest ihr Prost auf die Preise, die vergeben werden oder die vergeben werden sollten und auf gute Lürik, mit der wir heute in die Sechsensechsigste Folge starten.

00:03:23: Du bist dran.

00:03:24: Mensch, was für eine Überleitung.

00:03:26: Wir trinken heute mal eine Mote, nur so zur Erklärung.

00:03:30: Maracuja.

00:03:31: Köstlich, wie

00:03:33: ein besten Urzuland sein.

00:03:36: Maria-Cuja.

00:03:36: Ich habe einen alten Hasen dabei.

00:03:38: In doppelter Hinsicht, einen Verlag, den wir hier schon eine Millionmal besprochen haben und auch einen Outdoor, den wir schon mehrmals hier, glaube ich, vorgelesen haben.

00:03:48: Jetzt nehme ich das neue Gediste von Alexander Kräf erschienen im Verlagsaus Berlin.

00:03:55: Das ist, glaube ich, sein fünfter Gedistpanzon, den er im Verlagshaus Berlin veröffentlicht hat.

00:04:00: Und der Neue hat den spektakulären Titel, Deine Revolution für Ungenauigkeit hat zukunftswert.

00:04:09: Das muss ich erst mal kurz drüber nachdenken.

00:04:13: Reduktion der Füßigsoßen im köstlichen Ereignis-Horizont.

00:04:17: Den habe ich schon zwei Jahre geliebt, jetzt kann er neun machen.

00:04:18: Genau.

00:04:18: Und jetzt

00:04:19: deine Revolution für Ungenauigkeit hat Zukunftswert.

00:04:22: Und unter diesem Titel hier, wenn ihr das hier so seht, oder auf dem Kaffee auch, unter der Schrift sind so Tentakeln, wie von einer Krake.

00:04:32: Und das gibt schon einen guten Hinweis.

00:04:35: wo die Reise bei seiner Lyrik hingeht, nämlich ins Tentakelige.

00:04:39: Deswegen

00:04:40: heißt es auch auf Instagram Tentakel Sirius, oder?

00:04:43: Genau.

00:04:44: Und um das Mensch-Tier-Verhältnis und darum, wie Navi ins Tieren sind, ich würde sagen, es erzitiert sich auch an einer Stelle, der ist so sehr von Donna Haraway beeinflusst, die auch sagt, dass wir eigentlich diesen ganzen Lebewesen viel, viel stärker uns verbinden fühlen.

00:05:01: sollten, als wir das im Alltag und in unserem Anthropozän eigentlich tun, weil wir auch mit den Tieren in Liebesbeziehungen eingehen können, die viel intensiver sind.

00:05:12: Und ich habe jetzt mal zwei Stücke rausgesucht, die das vielleicht ganz gut erzählen.

00:05:20: Wenn du noch suchst, kann ich mal kurz weitergeben, dass ganz viele Leute auf E von Yonah Kidzeit

00:05:27: haben.

00:05:27: Aber

00:05:27: auch Melle und Elmiga und würden sich aber auch über E. Freuen, also.

00:05:32: Okay.

00:05:33: Jetzt mal erstmal Alexander Krebs.

00:05:36: Neulich am Saumriff.

00:05:39: Deine Signifikante Andersartigkeit macht mysterisch an.

00:05:45: Und deine Wirbel aktivieren miss.

00:05:48: Deine Kehrarbeit ist wie dein Blick so süß.

00:05:52: Lässt uns symbionten sein.

00:05:54: Ich, krustiger Krebs, du, fiepriger Fisch.

00:05:59: Lass uns ein Loch ausheben, eine Wohngemeinschaft gründen.

00:06:03: Lass uns arbeitsteilig sein.

00:06:06: Du machst die Wäsche, ich das Geschirr und mit dem Badezimmer wechseln wir uns ab.

00:06:16: Also eine Sympiose mit den Andersartigen.

00:06:21: Und dann habe ich es noch eins rausgesucht, was hier sehr die um die Ecke spielt.

00:06:25: Das heißt nämlich Berlin ist am Ende.

00:06:28: Und da ging es darum, hier gab es das Redison Blue Hotel.

00:06:33: War das nicht hier, du meinst dieses Schwimmenbecken?

00:06:35: Ja, genau.

00:06:36: Und da stand das größte freistehende Aquarium der Welt, so ein Aquadom, nannten die das?

00:06:42: Und das ist halt vor ein paar Jahren geplatzt.

00:06:45: Und darüber geht dieses Gedicht.

00:06:46: Das

00:06:46: sind viele Fischer gestorben.

00:06:47: Ja, das war ganz, ganz schlimm.

00:06:48: Das Gedicht heißt Berlin ist am Ende.

00:06:53: Die Mitte platzt aus allen Nähten.

00:06:55: Ein Dom explodiert.

00:06:58: Unter den Linden das Material müde, angesichts der Touristen in den Gassen.

00:07:04: Aquamassen spülen unsere Komplizen in die unsichtbaren Ritzen der Stadt.

00:07:10: Einige erfrieren, viele ersticken auf Berliner Straßen, wo sie von den kommenden Revolutionen träumen.

00:07:19: Imagine their names.

00:07:21: Clownfish, Rochen, Seepferdchen, Octopus.

00:07:27: Paletten, Dr.

00:07:28: Fisch, Qualle, tropisches Korayernulf.

00:07:34: Unter den Linden ist das passiert

00:07:36: sogar.

00:07:36: Das war hier auf dem Peek, genau.

00:07:37: Genau, Richtung Alex.

00:07:41: Das waren zwei tierisch gute Gedichte von Alexander Kräff.

00:07:45: Ich habe doch gesagt, heute keine Wort.

00:07:47: Entschuldigung,

00:07:47: das kriegst du glaube ich nicht aus mir raus.

00:07:51: Deine Revolution für Ungenauskeit hat zukunftswert.

00:07:54: Also wer sich für die Tier-Mensch-Beziehung interessiert und darum, dass wir vielleicht als Menschen gar nicht im Mittelpunkt der Schöpfung stehen, der sollte doch bitte diese Gedichte lesen und wird dabei reich belohnt.

00:08:05: Oder die?

00:08:06: Ja,

00:08:07: genau.

00:08:08: Verlagshaus Berlin, eh immer gut, ganz erschienen jetzt.

00:08:15: Ich habe die so zerfleddert, schon irgendwie die Ausgabe.

00:08:17: Das ist ja schön, wenn man die

00:08:18: so bücherfleddert

00:08:20: beim Lesen.

00:08:21: Bei mir sind die Bücher oft sehr, sehr ordentlich, weil ich sie ganz häufig, wie zum Beispiel auch dieses digital gelesen habe.

00:08:26: Und dann sehen sie immer in der Papierform sehr ungelesen aus.

00:08:29: Aber faktisch fange ich glaube ich mal an zu sagen, bevor ich über Anna Maschek rede.

00:08:36: Wenn man den Gogolz-Verlag wahnsinnig liebt und denkt alles, was da so erscheint, ist so archaisch und großartig und man liebt zum Beispiel die poetische Prosa von Maggie Nelson oder so ganz großartige Sprache und sucht das in Kombination aber von einer jungen deutschsprachigen Autorin, dann ist man bei Anna Maschik richtig aufgehoben.

00:08:58: Wenn man Familiengeschichten mag, die über vier Generationen gehen, aber vielleicht unter zweihundertfünfzig Seiten haben, ist man bei Anna Maschik richtig aufgerufen.

00:09:07: Ich bin ganz, ganz begeistert von, wenn du es heimlich tun willst, musst du die Schafe töten.

00:09:13: Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten.

00:09:16: Ich sage es aus Versehen leider immer falsch.

00:09:17: Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten.

00:09:20: Ich habe es des Titels wegen, ist es mir ins Auge gesprungen.

00:09:24: Ich wollte diesen Debüro mal unbedingt lesen, weil mich das sofort angesprochen hat und dieses Buch hat.

00:09:30: Mich, also dann auch noch so unfassbar überrascht von Seite eins, war ich total reingezogen.

00:09:37: Es ist eine Geschichte, die, habe ich ja schon gesagt, eigentlich vier Generationen erzählt.

00:09:42: Es beginnt mit Henrike, die ist nineteenhundert geboren.

00:09:46: Das ist die Urgroßmutter auf einem Hof in Norddeutschland, irgendwo an der Nordseeküste vielleicht, aber irgendwie so in Norddeutschland.

00:09:57: Und es geht darum, dass der Titel erklärt sich gleich auf der ersten Seite, sie ein Schaf schlachtet.

00:10:03: Und die Sache bei Schafen ist, wenn man die schlachtet, dann kwiegen die nicht, die sind leise, die sind lautlos.

00:10:09: Und deswegen kann man Schafe eben heimlich schlachten, während andere Tieren wahnsinniges Geschrei machen, verständlicherweise.

00:10:16: Und in der Zeit des Ersten Weltkrieges, als es verboten und auch im Zweiten Weltkrieg, als es verboten ist, sozusagen heimlich zu schlachten, weil man alles abgeben muss, weil zum Beispiel Schweinefüße gezählt werden und wenn dann einer auftaucht, ein Fünfter sozusagen und man weiß, es ist heimlich noch mehr geschlachtet worden als erlaubt wurde, dann wurde man da richtig, kriegte man richtig Ärger dafür und deswegen kann man eben scharfe heimlich schlachten.

00:10:40: und damit beginnt die Urgroßmutter Henrike, die das schon als Mädchen auf diesem Hof gelernt hat, als sie Die Familie übernehmen musste, nachdem ihre Mutter sehr früh gestorben ist.

00:10:49: Das ist eine achasche Erzählung von eigentlichem Überleben in der völlig unwirklichen Zeit.

00:10:56: Dann zieht sich das in die folgenden Generationen über Hilde, die es raus schafft, aus diesem Kaff, aus diesem Bauernelend mit einem Soldaten.

00:11:07: Gen Süden zieht, sozusagen, Miriam und Alma.

00:11:10: Alma ist die Erzählerin im Heute.

00:11:12: Und was Alma so großartig macht, ist die Ur-Enkelin von Henrike.

00:11:16: Die macht nämlich eigentlich den Kreis wieder zu.

00:11:19: Die legt sozusagen ihre Familie, wie die Innereien des Schafes auf den ersten Seiten, legt sie auf den Tisch.

00:11:24: Es sind

00:11:25: Harte mit Haffern.

00:11:26: Es sind Harte mit Haffern, aber es ist auch eine ganz, ganz großartige Sprache.

00:11:29: Die ist nicht unnützart, aber die ist an den richtigen Stellen einfach ganz, ganz genau.

00:11:35: Und legt also diese Familie sozusagen auf den Tisch und beschaut die Innereien, wie wenn man eben in die Innereien schaut, wie gut ging's dem Schaf, wie gesund war das und so weiter.

00:11:43: So schaut sie ihre Familiengeschichte an und breitet die aus

00:11:47: dem Tisch.

00:11:48: Gibt es da nicht auch Wahrsage in den Tieren?

00:11:51: Man kann

00:11:51: da lesen.

00:11:52: Genau.

00:11:52: Wenn man in die Zukunft schaut.

00:11:55: Oder Dinge erkennen oder sowas.

00:11:56: Und das Tolle ist, was diese Alma eben macht, ist eigentlich stellt die sich die Frage, die sie aber gar nicht.

00:12:03: Also sie hat so ein bisschen wie so Erinnerungen an Dinge, die sie nicht richtig versteht, weil sie weiß, sie kann eigentlich keine Erinnerungen an die Zeit haben, aber es sind so wiederkehrende Dinge, die ihr bekannt vorkommen.

00:12:13: Und deswegen erzählt sie, die Familiengeschichte beginnt mit der Urgroßmutter und schaut eigentlich auf... Aber ganz neutral schaut sie darauf wie und das betrifft uns einfach alle.

00:12:25: Wie kann es passieren, dass wir ständig denken, wir machen es besser als unsere Elterngeneration, wir machen diesen oder jeden Fehler nicht und wir geraten dann aber immer wieder, auch wenn wir andere Wege gehen.

00:12:36: Also es ist ja häufig so, dass wir in ähnliche Dinge geraten, ja wir entscheiden ganz anders, machen es ganz anders und landen beim gleichen Gefühl.

00:12:44: Und diese Schleifen werden sozusagen in diesem Text... ausgelotet, anhand von ganz, ganz handfesten Beispielen, die es eben in dieser Familie gab.

00:12:54: Und was ich so ganz großartig finde, ist Anna Maschik schreibt manchmal ein Kapitel, das geht nur so anderthalb Seiten, manchmal ist ein Kapitel nur eine Auflistung von Dingen im Haushalt ihrer Großmutter, die eine Hühnerform hatten.

00:13:07: Zum Beispiel.

00:13:09: Und es hat eine ganz große, ja genau, oder ein Kissen oder eine Teekanne oder so.

00:13:14: Und es hat so eine ganz große Luftigkeit und trotzdem hat dieser Text so eine ganz, ganz extreme Dichte.

00:13:21: Da wird ganz, ganz viel mit erzählt.

00:13:23: Ja, sie dicht, ja, das stimmt leider.

00:13:26: Aber es ist keine stickige, keine schlechte Luft, sondern ich habe die ganze Zeit immer noch mal geguckt, ob die wirklich noch nie vorhergeschrieben hat.

00:13:33: Also, sie hat an der Sprachkunst in Wien studiert.

00:13:36: Aber ich dachte, wie kann man denn... Es geht gar nicht um Wortschatz, um Vokabular, um die große Kunst solche Sätze zu bauen, sondern wie kann man solche tollen Bilder malen, ohne dass man irgendwie mit großem Ding in den Farbtopf greift der Sprache, sondern wirklich ganz, ganz präzise und auch so ganz viel Mut hat, Leerstellen und Lücken zu lassen.

00:13:56: Und ich finde, wenn du es heimlich machen willst, musst du die scharfe töten, ist so eines dieser Bücher, von dem ich dachte, da müssen wir dieses Jahr, und ich habe ein paar gelesen, die wirklich so gut sind, dass ich dachte, wir müssen noch dieses Jahr eigentlich alle über diese Bücher reden.

00:14:11: Und das hier ist jetzt eins.

00:14:14: interessanterweise ganz kleiner Nebeneffekt.

00:14:16: Ich weiß nicht, ob ihr das jetzt im Podcast sehen könnt.

00:14:18: Das ist zum Beispiel auch wieder eine Doppelseite und da ist ein Kapitel jeweils so eine halbe Seite.

00:14:23: Also es ist wirklich ganz reduziert, es ist nicht auf Textmasse ausgelegt und dann ist die Schrift auch noch sehr groß.

00:14:29: Ich werde immer mal wieder irgendwie auf Instagram gefragt, was irgendwie eine große Schrift hat und hier habe ich irgendwie das gelesen und habe gedacht, das hat so eine hervorragend augenfreundliche, nette Schrift.

00:14:41: Oh, hier ist

00:14:41: mein

00:14:42: Lieblingslied.

00:14:43: Ja, aber liest mal.

00:14:44: Sing mal.

00:14:46: Ja.

00:14:50: Jetzt geht's.

00:14:51: Also, hier steht das einfach nochmal.

00:14:53: Aber es heißt ja... Aber hier steht immer nur die erste Zeile.

00:15:03: Kannst

00:15:04: du es weiter singen?

00:15:06: Ja, kannst du?

00:15:08: Aber ich mach das nicht.

00:15:09: Nein, jetzt nicht.

00:15:10: Nein, jetzt

00:15:11: nicht.

00:15:12: Es ist lieb, dass die sagt, dass es in meiner Lieblingsfilme gesungen wird und

00:15:18: Scherben tanzt.

00:15:22: Tut der Wind, aber ich mach's jetzt nicht auf plattdeutsch.

00:15:24: Aber du kannst in die Sonne schauen, gucken, da wird viel plattdeutsch gesprochen.

00:15:27: Aber wir lenken jetzt gerade von Anna Maschik ab und das wollen wir gar nicht.

00:15:30: Also das ist zum Beispiel ein Kapitel, in dem eben nur dieses Datuminelewsten büsst immer wieder, wie wenn man's an die Tafel zur Strafe schreibt.

00:15:38: Und die Geschichte wird erzählt und es wird vorher auch erklärt, weil die Mutter nämlich ihrem Lieblingssohn am Bett abends immer ein Lied vorsinkt, während sie ihrem älteren Sohn eben keine Lieder sinkt.

00:15:49: Und solche Dinge wiederholen sich.

00:15:51: Und solche Dinge, denen geht Anama Schick eben auf den Grund.

00:15:55: Und zwar durch das komplette, verrückte, anstrengende, wilde, letzte Jahrhundert.

00:16:00: Und ich finde das eine große Entdeckung.

00:16:01: Wenn du es halb nicht machen willst, musst du die scharfe Töten von Anama Schick.

00:16:05: Jetzt am zehnten September erschienen.

00:16:07: Also die Welt hat noch genug Zeit, ganz viel daran zu reden.

00:16:09: Es

00:16:09: heißt so zu sagen, dass alles so zügtig ist und alles so wiederkommt.

00:16:13: Ich finde, man wiederholt jetzt mal auf die Fehler seiner Eltern oder das, was man ... Den Eltern oft gar nicht so mag, aber dann entdeckt man das auch bei sich selbst.

00:16:21: Ja, das habe ich ja erzählt.

00:16:22: Und auch wenn man

00:16:22: das so bewusst

00:16:23: verhindern will, landet man doch wieder bei diesem Gefühl.

00:16:26: Also man kann oft irgendwie nicht aus diesen Schleifen raus, weil man sie sich nicht traut, anzugucken.

00:16:31: vielleicht auch, weißt du?

00:16:32: Ich finde, das ist ein Team des Beunruhigen, der Erkenntnis, ehrlich gesagt.

00:16:35: Eigentlich will man ja ausbrechen aus den Zyklen der Vergangenheit und irgendwie Sachen besser und richtiger machen, als dass unsere Vorgängergenerationen gemacht haben.

00:16:43: Ich glaube, das ist auch das, was die Alma will und deswegen guckt die halt genau hin.

00:16:47: Und ich glaube, eine dieser großen Probleme in diesen transgenerationalen Kettungen sozusagen ist ja auch diese Sprachlosigkeit und dieser Text, dieser Roman, der überhaupt keine Frage in Roman ist, auch wenn er sehr fragmentarisch teilweise erzählt wird.

00:17:00: Also das sind große chronologische Sprünge und es gibt große Lücken, habe ich ja schon gesagt.

00:17:05: Was ich aber auch toll finde, das ist so eine debutante.

00:17:07: Und ich sag's jetzt mal so, sich traut, den Leserinnen zu überlassen, weil die Tendenz ja sonst oft ist, so total auszuerzählen.

00:17:13: Aber dass das eben diese große Sprachlosigkeit ist, die da eben oft so war, dieses keine Worte zu haben oder sich auch nicht trauen, was auszusprechen.

00:17:21: Und ich glaube, das ist halt so richtig.

00:17:23: Also es gibt ganz viele Familienromane, die über Generationen erzählen und auch Themen.

00:17:29: wo ich denke, das habe ich ähnlich verhandelt, schon mal gelesen, aber eben nicht auf diese sprachliche Weise, wie Anna Maschik das tut und auch nicht mit dieser... Es ist eindeutig schon in der ersten, in dieser Schlachtesszene, mit der der Rumania sozusagen beginnt, ist schon klar, es ist eine große Düsternis in dieser Family-Geschichte, aber es ist trotzdem eine ganz große Leichtigkeit in diesem Erzählen und vielleicht machen das dann auch... die Zitronen aus, die auch auf dem Cover abgebildet sind und die man mit den Schafen erst mal gar nicht in Einklang bringen kann und die sich im Text aber eben auch erklären und dieses, was sich so aufscheibt und was sich in so einer Familiengeschichte dann eben auch so...

00:18:08: Also du meinst, die Familie ist wie eine Zitrone, die man in Teilben schneidet und jede Schicht ist irgendwie sauer, oder?

00:18:15: Nee, aber ich glaube, dass sich alles ein bisschen auf die vorherige Bezieht.

00:18:19: Und ich glaube, dass es auch gut ist, diesen Moment selber zu lesen, wo man dann beim Roman denkt, ach, deswegen sind Zitronen auf dem Cover.

00:18:26: Es hat viel mit Geburt und Sterben zu tun und mit dem, dass wir...

00:18:30: Ich liebe ja Zitronen.

00:18:31: ...auf

00:18:31: dieselben Sachen durchmachen.

00:18:32: Magst du auch Schafe, dann musst du es jetzt lesen.

00:18:34: Ja, geht so.

00:18:35: Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen Schafen und Zitronen.

00:18:41: Zitronen sind ja auch so ein prominentes Obst, gerade auf Buchkabern hat man oft.

00:18:47: Ja, ich glaube,

00:18:48: der

00:18:48: hat Anna Marschig wäre hier so die erste.

00:18:50: Nee, die Theresa Preauer hatte das dort auch letztens.

00:18:54: Ist sie nicht auch auf der Aspektischwurzlist?

00:18:58: Nee, ich glaube, das österreichische Buchpreis ist ja auf jeden Fall, und es hätte aber auf alle anderen, wie so viele andere auch, durchaus geduft.

00:19:04: Weil

00:19:04: wer nimmt das?

00:19:07: Ich

00:19:07: mach das doch mal auf, damit es nicht so weiter ist.

00:19:10: Shortlist ist einer der besten Romane des Herbstes.

00:19:14: Ja, Punkt.

00:19:15: Habe ich jetzt mitgebracht?

00:19:22: Und ich habe gemerkt, das wird tierisch irgendwie in dieser Folge.

00:19:24: Wir haben jetzt schon was Tentakeliges.

00:19:26: Jetzt werden die Schafe ganz still und leise umgebracht.

00:19:29: Und jetzt kommt auch noch ein Hundesohn.

00:19:30: Der

00:19:32: Hundesohn.

00:19:32: Der Hundesohn.

00:19:33: Osan Sakaria Kiskinklit ist auch kein Unbekannter in unserem Podcast.

00:19:38: Wir haben seinen Lürikband Prinzenbad vor einigen Jahren auch schon hier vorgestellt und sehr beschwärmt.

00:19:47: Und dann hat er ein Sachbuch gemacht bei den Verbrechern.

00:19:49: Genau, das haben wir ausgelassen vorerst.

00:19:54: Und jetzt hat er halt wirklich diesen fulminanten Debüromahnhundesohn geschrieben, der bei Sorkamp erschienen ist.

00:20:03: Und darin geht es um einen jungen Mann, der Sakaria heißt, der in Kreuzberg lebt.

00:20:12: Und in einem kleinen hessischen Dorf aufgewachsen ist.

00:20:15: Seine Eltern sind in der Türkei geboren.

00:20:18: Sein Großvater war ein arabisch pressender, sehr, sehr edler Friseur, der immer den Leuten, die Sorgen aus den Bärten geschnitten

00:20:29: hat, in

00:20:30: einer Stelle.

00:20:32: Also wirklich ein feiner Herr.

00:20:35: Und er, Sakaria, lebt jetzt nun in Kreuzberg in der Gegenwart.

00:20:41: verdöselt seine Tage eigentlich so ein bisschen auf Grindr und sucht auf Grindr irgendwie, vielleicht kann man so sagen, versucht eine bestimmte Art innere Lehre zu füllen, versucht eine gewisse Zeit zu überbrücken, denn er weiß, er sieht in neun Tagen Hassan wieder.

00:20:57: Hassan ist so sein großer Sein großer Sehnsuchtsbeu, den hat er irgendwie ein Jahr vorher, das letzte Mal in der Türkei getroffen.

00:21:05: Er hat seine Leberfläche im Gesicht gezählt, die auf Türkisch, wenn ich es mir richtig erinnere, heißen die Ben.

00:21:14: Und Ben ist auch das türkische Wort für ich.

00:21:17: Ich.

00:21:18: Und ich glaube auch für Sohn.

00:21:20: Also es hat sehr viele Bedeutungen.

00:21:22: Und so erkennt er praktisch in den Leberflecken von Hassan, in Hassans Gesicht, sich selbst.

00:21:27: Also das ist schon mal so.

00:21:28: Und das macht er total abgefahren an ganz vielen Stellen.

00:21:31: Spielt er so mit der Sprache.

00:21:33: Also wenn jetzt vielleicht Anna Marschig so eine Prosa der Sprachlosigkeit ist, ist das bei Hosan Sakaria Kiskinkelit eine Prosa der Überfülle von Sprache und also wirklich so eine Art

00:21:44: Spielfreude auch.

00:21:45: Spielfreude und auch so eine Sprache.

00:21:48: Ja, so was.

00:21:51: Ja, überlaufen das schon fast.

00:21:53: Und dann schreibt er das.

00:21:56: aber, wie er da halt so darliegt.

00:21:58: Er scrollt halt auf Grinder, dann holt das sich immer irgendwelche Boys nach Hause und das wird auch sehr explizit beschrieben, was er mit denen hat.

00:22:06: Macht am Anfang, schreibt er auch sehr explizit über seine Filzläuße, die er hat und wie lange so Filzläuße überleben und wie er sie los wird und was die mit seinem Körper machen.

00:22:16: wie man sie alles abgeben kann?

00:22:18: Wo er überlegt hat, wo er sie herhat.

00:22:20: Es ist schon auch erst mal am Anfang gedacht, es ist so eine Filzlausprosa.

00:22:28: Aber er weist eigentlich auf was anderes hin, nämlich auf diese unglaubliche Körperlichkeit dieses Textes.

00:22:33: Er sparte ihm das nicht aus, in alle Körperregionen zu gehen.

00:22:37: Er schreibt die Haut, die Haare, was die Leute anhaben.

00:22:40: Und dann ein ganz wichtiger Körperteil ist die Zunge.

00:22:43: die halt für das steht, was man halt auf Grindr getmachen kann.

00:22:46: Er sagt dann so, ja, er leckt zu EDS out und alles, was er lecken und küssen kann und so was.

00:22:53: Aber gleichzeitig ist die Zunge halt auch das Symbol für die Sprache.

00:22:58: Und die er sich dann auch manchmal so träumt, dass er die Zunge sich abschneidet und dass er irgendwie die Sprache verliert und so was.

00:23:04: Aber

00:23:04: auch Geschmack und Essen.

00:23:05: Genau.

00:23:07: Stimmt, der Thymian und Salz kommt viel vor und Orangensen glaub ich auch.

00:23:11: Also dieses Sinnes, Kulinärisse.

00:23:15: Genau, und er beschreibt ja so, wie er sich immer noch Grinder-Dates holt.

00:23:20: Und aber auch nicht so richtig glücklich wird.

00:23:22: Dann redet er mit seiner besten Freundin, die heißt ... Pari, genau.

00:23:27: Und sie sagt so, naja, du, vielleicht bist du einfach zu zart für Kreinde.

00:23:32: Du wirst dort eigentlich immer nur enttäuscht, weil die Männer oder die Jungs, die du dir da holst, die werden nie diese Sehnsucht erfüllen können, die du eigentlich so hochst.

00:23:41: Und dann zählt er halt so die Tage rückwärts.

00:23:45: Bis er endlich diesen Hass an wieder trifft.

00:23:48: Denkt dabei auch viel an seinen Großvater, denkt viel an diese Sprachen, die er lernen sollte.

00:23:53: Und der Großvater hat zum Beispiel immer, wenn er auf jemanden sauer war, gesagt, du Hundesohn.

00:23:58: So, es war ein Schimpfwort.

00:24:00: Und er denkt aber, wie gern wäre ich ein Hundesohn?

00:24:03: Wie gern würde es in den, meine Schnauze, in das Fell des anderen drücken und so was.

00:24:07: Und es ist sozusagen wie eine Umwertung der Sprache.

00:24:12: Oder der Bedeutung von etwas Negativen, womit man etwas beleidigt zu etwas... was sehr genussvoll und schön ist.

00:24:18: Und wenn er so hassan als Hundesund sieht, das ist ja auch so ein große Wort.

00:24:21: Ja,

00:24:22: genau, was ganz Schönes.

00:24:24: Und bei ihm hat es aber dann auch wieder eine ganz starke politische Dimension, denn er ist eindeutig ein kleubiger Muslim und gleichzeitig ist er aber ein praktizierender Gay.

00:24:35: Und er will das auch, er fühlt das in sich vereint und fühlt aber auch die Widersprüche.

00:24:39: fühlt sich halt selber als der Hundessohn, als sozusagen etwas, was schlecht anerkannt ist, was kein Prestige ist.

00:24:46: Und gleichzeitig etwas, was er aber auch total schön findet, dieses Hündig.

00:24:51: Und wie er das reflektiert, das ist... Sind wir

00:24:53: fast wieder bei der Tierwertung?

00:24:55: Ja,

00:24:55: genau, er will auch ja irgendwo ein Tier werden.

00:24:57: Er will dieser Hund wieder sein, sowas aber nicht ein Hund, der wie so ein Köter weggetreten wird, sondern einer, der halt streichelt und Zartheit bekommt.

00:25:04: Ja, und vielleicht auch so eine gewisse Einfachheit, die sich nicht so verkopft sorgen, sondern so ganz im Körper sein.

00:25:11: Das ist ein ganz, ganz körperliches Sprachkörperliches Buch irgendwie auch.

00:25:17: Und dann kommt aber wieder so der Rassismus durch, das er halt auch als muslimische, türkisch-dämmige Mann in Kreuzberg.

00:25:27: extremer Unterdrückung auch angesetzt oder ausgesetzt wird.

00:25:31: und dann sagt seine Freundin Parine, ja, wo du bist halt trotzdem ein Mann, du bist trotzdem Teil des Patriarchats.

00:25:36: und er sagt, ja, aber als schwuler Muslim bin ich einer extremen Gefahr ausgesetzt.

00:25:41: und dann streiten sie sich so über, wie weit kommt da der intersektionale Feminismus eigentlich noch hin?

00:25:47: und so was.

00:25:48: Und da merkt man so, okay, es gibt halt diese Grinder-Ebene, es gibt diese Ebene der Sprachen, seine Vorfahren, es gibt diese Ebene der Sinnlichkeit mit dem Körper.

00:25:58: Und dann gibt es aber auch diese politische Ebene.

00:26:00: In einer Stelle sagt er zum Beispiel auch Islam ist Punk.

00:26:03: Und dann kommt auf einmal Franz Fanon mit dem Spiel und so was und so eine ganz krasse postkoloniale Kritik.

00:26:10: Und das ist aber alles in der Brose als wenn du hast auch gelesen, die sich so... so leicht und assoziativ und poetisch liest und du willst einfach überhaupt nicht, dass dieses Buch aufhört.

00:26:21: und ich lese eigentlich ganz selten wie seit zweimal, aber bei dem würde ich wirklich denken, wenn ich das jetzt nochmal lesen würde, ich würde das mit mindestens genauso viel Genuss und Entdeckungsfreude nochmal lesen können und ganz viel entdecken können.

00:26:32: Und ich will noch einmal so diese Pari kurz erwähnen, weil ich eben auch so finde, dass die Freundschaft, die da beschrieben wird, das ist so ein... Buch auch über Freundschaft und über die über die tiefe Innigkeit von Freundschaft.

00:26:43: Also es gibt ja häufig auch so eine Abstufung zwischen Beziehung.

00:26:47: Das ist so das höchste der Gefühle und Freund, also Liebesbeziehung, romantische Beziehung, die werden so das höchste.

00:26:53: Und Freundschaften, die sind derangierend dann irgendwie drunter oder so.

00:26:56: Und dieses Buch ist trotz dieser ganzen des Begehrens für Hassan, dieses Wartens auf seine Rückkehr, dieses Runterzählen irgendwie neun Tage, sieben Tage, fünf Tage bis ich Hassan wieder sehe, ist diese Freundschaft, die zwischen Der Sakaria-Figur und Pari erzählt wird so eine ganz, die ist so nah und so warm und so schön.

00:27:16: Aber auch voller Kritik.

00:27:18: Ich finde, die Schenken

00:27:20: sind ja allnistisch.

00:27:20: Nein, die ist nicht harmonisch, wie eben alles so vielseitig ist.

00:27:24: Und trotzdem ist es so.

00:27:27: macht das so Freude.

00:27:28: Und ich habe jetzt auch gerade ganz bewusst irgendwie das Wort Spaß nicht benutzt, weil es ist kein Buch, was Spaß macht, aber es ist irgendwie so eine richtige Freude, so das Wort, auch wenn es hart ist und auch wenn es weh tut und auch wenn es, weil er einfach diese Sprachlust transportiert in allen Bildern, die er macht.

00:27:46: Und was wir auch einfach nochmal ganz kurz sagen können, ich weiß, man soll... Das ist nicht so Konkurrenz vom Lesen machen, aber er liest auch wirklich so unfassbar gut.

00:27:53: Ich habe ihn irgendwie zweimal kurz lesen gehört und dachte so, und er hat das Hörbuch, glaube ich, auch selber eingelesen, will ich mir ziemlich sicher ein.

00:27:59: Und also, wenn man die Chance hat, das als Hörbuch zu hören, dann liest es damit, dass er es selber lesen könnte und hört es dann nochmal wie Osan Sakaria, Giskin Glitch, dass er es selber liest, weil es ist wirklich unfassbar großartig.

00:28:13: Es beeindruckt auch, dass man immer einerseits anmerkt, was für ein hochintelligenter Mensch.

00:28:19: Er ist einfach, also er hat in mehreren Ländern Politikwissenschaften studiert, arbeitet auch an der Uni.

00:28:27: Im Cambridge war er glaube ich zumindest ein richtiger Erinnerer.

00:28:30: Und gleichzeitig ist es aber so eine ganz sinnlisse körperlisse poetische Sprache.

00:28:35: Also er hat über über seinem ganzen Denken und Wissen und diesen vielen Sprachen, die er auch sprichst.

00:28:40: Er ist meine, da kommt türkisch, arabisch, französisch.

00:28:42: Also das Englisch sowieso kommt alles drin vor.

00:28:45: Und auch

00:28:45: die Verbindung dazwischen, und das man ist nicht.

00:28:48: Und gleichzeitig verkopft es aber nicht.

00:28:51: Und diese Mischung, also das habe ich in dieser Brillanz, also

00:28:55: es ist

00:28:55: bisher kaum gelesen, das ist genial, wie ihr das macht.

00:29:00: Noch ein Buch über das die Soziale reden sollen, oder?

00:29:02: Wirklich,

00:29:03: ja.

00:29:03: Aber tun Sie ja irgendwie auch

00:29:04: schon.

00:29:04: Ich habe das

00:29:05: wirklich, wirklich beeindruckt, auch so nachhaltig.

00:29:07: Und jetzt, als ich mich auf die Sendung vorbereitet habe und immer so einzelne Passagen gelesen, habe ich gedacht, wie krass dieses Buch einfach ist.

00:29:13: Also wirklich.

00:29:14: Ich bin sehr dankbar, dass ich das lesen durfte.

00:29:15: So ein Kampfverlack.

00:29:17: Gut gemacht.

00:29:19: Sakeria, gut gemacht.

00:29:21: Sakeria, das ging nicht.

00:29:22: gratuliere zu diesem großen Berg.

00:29:26: Ich lese ja, ich muss jetzt diese Überleitung machen.

00:29:29: Aber das geht dir nur die eine, die ich kann.

00:29:31: Ich lese ja keine Sachbücher.

00:29:32: Wir haben es ja davon schon mehrfach gehabt in diesem Comic, in diesem Podcast.

00:29:35: In diesem Comic, genau.

00:29:36: Genau, weil ich habe jetzt tatsächlich einen Weg gefunden, wie ich doch Sachbücher lesen kann.

00:29:41: Und zwar kann ich damit...

00:29:43: Ich

00:29:43: würde es aber nicht so werden.

00:29:44: Es macht mir nicht so ein Spaß, denke ich immer.

00:29:46: Und mir fehlt dann sowas Sprachliches.

00:29:47: Es ist auch ganz kleinkarriert und stimmt nicht.

00:29:49: Eigentlich ist die Wahrheit, ich habe so wenig Zeit in meinem Leben und ich habe so viel Belettristik, die ich lesen will.

00:29:54: Und dann ist es einfach immer so ein bisschen stiefkendlich.

00:29:57: Und jetzt habe ich aber einen Sachkomik gelesen und zwar auch noch ein ausgezeichnetes von Uli Lust hat den deutschen Sachbuchpreis dafür bekommen.

00:30:05: Muss man sich mal reinziehen.

00:30:06: Es war eine wahnsinnig harte, sehr, sehr textlastige Konkurrenz, und Uli Lust hat mit die Frau als Mensch dieses Jahr in Leipzig schon.

00:30:14: Ich bin also spät dran, aber umso glücklicher den deutschen Sachbuchpreis bekommen.

00:30:21: Bei Reprodukt ist es erschienen und ich wollte es unbedingt jetzt auch gelesen haben, weil nämlich im nächsten Februar, glaube ich, Teil zwei erscheint und man muss unbedingt dieses Buch...

00:30:32: Heißt auch so, ne?

00:30:33: Genau, es heißt die Frau als Mensch und dann aber nicht am Anfang der Geschichte, sondern die Schamanen oder so heißt es, glaube ich, der Untertitel.

00:30:40: Und es fängt wie viele Dinge von Uli Lust und ich hatte zum Beispiel auch mit großer Freude, so zuletzt ihre Comic-Adaption von Flughunde von Marcel Bayer gelesen, das ist auch schon ganz schön lange her.

00:30:52: Und es fängt wie viele, aber ihrer persönlicheren Comics mit einer... persönlichen Geschichte an und zwar wie sie in Österreich in den Siebzigern aufwächst sozusagen wie die Jungs ständig irgendwie unter großen Beklatschen aller Menschen irgendwie Spuren in den Schneepinkeln mit mit runtergelassenen Hosen und alle finden es süß und toll und bravo.

00:31:16: und wenn Mädchen aber irgendwie Mit den Schneepinklern ist das nicht okay und es gibt vor allem auch keine Worte, die man dafür benutzen soll und man soll das keinem zeigen.

00:31:25: und dieses typische Aufwachsen, was wir alle ja schon so genüge kennen.

00:31:30: Und falls man jetzt so ein bisschen dieses, vielleicht können wir es mit dem Podcast kurz einmal erklären, also das Cover hat eine Höhle und da geht eine... Frau kriegt sozusagen in so eine, ich würde sagen, schneebedeckte Höhle und dahinter ist noch eine andere mit einem Baby auf dem Rücken.

00:31:45: Und die Höhle hat so ein bisschen so die Form einer Vulva, würde ich sagen.

00:31:51: Ja, ziemlich deutlich.

00:31:52: Und Uli Lust macht sich nämlich in die Frau als Mensch ausgehend von ihrer persönlichen Erfahrung auf die Suche durch die Menschheitsgeschichte, von der wir ja immer denken, sie ist voller männlich dominierter.

00:32:07: Kunstvoller Männerabbildungen und stolzer Fallen, also mit pH und so weiter.

00:32:15: Und fängt dann eben an zu recherchieren und hat einen unfassbar so khaften... Comic daraus gemacht, der ganz viel, ich weiß nicht, hast du es mit dir mal angeguckt?

00:32:24: Also vielleicht muss man wirklich so ein bisschen durchblättern, weil sie wirklich also relativ naturgetreu, wir kennen alle diese üppigen Darstellungen von diesen Frauen mit ausladenden Hinterteilen, mit großen Brüsten, mit so einer großen Birnenform, die irgendwie aus verschiedensten Formen irgendwie aufgetaucht sind und zwar quer durch die Welt.

00:32:44: vor dreißigtausend Jahren war sozusagen die Das, was hinterlassen wurde, an Kunst weiblich.

00:32:52: Also es wurden weibliche Menschen abgebildet.

00:32:55: So die erste Kunst, die Menschen geschaffen

00:32:57: haben.

00:32:58: So waren immer

00:32:58: Frauen die große Prüste und große Prüste.

00:33:00: Genau, und also so ein ganz...

00:33:02: Fruchtbarkeits.

00:33:03: Genau, so ein wohlwollendes, auch natürlich zeigt man da die Vagina und natürlich zeigt irgendwie die, alles, also die Wohlbau und alles, was dazu gehört, irgendwie so... Das ist eben so.

00:33:15: Und das haben Forscher eben auf der ganzen Welt, also wirklich einmal so quer rüber vor dreißigtausend Jahren.

00:33:20: Und da hat sie sich gefragt, wie ist es eigentlich passiert, dass wir heute irgendwie denken, wie ist es gekommen, dass es anders wurde?

00:33:29: Wer hat uns dann plötzlich irgendwie davon abgebracht?

00:33:33: und plötzlich war es irgendwie... Denken wir die griechischen Adonisse und an diese Figuren und an diese Statuen und dass danach eigentlich alles so männlich dominiert wurde.

00:33:43: Wie ist das dazu gekommen?

00:33:44: Und sie macht sich also auf, auf die Suche das zu recherchieren und hat unfassbar wirklich ganz, ganz großartige Recherchen gemacht, weil zu jeder Zeit, zu jeder Epoche steht ganz viel Wissen.

00:33:54: Ich habe also das Gefühl, das ist nicht nur, sie malt es ganz toll und sagt, wo sie mal was gehört hat, sondern es ist auch ganz viel.

00:34:00: wo sie sich wahnsinnig informiert hat, wo sie ganz viel belegen kann.

00:34:04: Aber es ist eben auch so ein Experiment, wo sie so guckt, okay, was hat es zum Beispiel auch damit zu tun, wenn du zum Beispiel Archäologen, Männer-Trupps sozusagen eingesetzt hast, dann sind die Funde häufig, ah ja, das ist auf jeden Fall eine männliche Gruppe dieser und jener gewesen.

00:34:18: Wenn da eine Frau dabei war, dann ist der Blick hat sich oft total geändert.

00:34:22: Und es gab dann zum Beispiel so Fälle, dass irgendwelche wahnsinnig geschmückten Gräber und sehr, sehr... toll ausstaffierte Gräber, wo eine große, großer Mensch sozusagen gefunden wurde oder die Überreste eines großen Menschen.

00:34:36: Und dann hieß es, ja, es war ein berühmter König.

00:34:38: Und dann guckt halt diese Archäologin oder die Biologin und sortiert die Knochen neu und vermisst es noch mal und sagt, ja, Moment mal, das war eine Frau, die war halt einfach sehr groß, manchmal einfach sehr stark.

00:34:47: Und dann ändert sich der komplette, also der komplette Blick auch so auf Geschichtsschreibung sozusagen.

00:34:53: Und da folgt Uli Lust ein bisschen dieser diesen Spuren und schaut halt ganz genau, wo wo man auch mit einer anderen Brille andere Ergebnisse finden kann.

00:35:07: Was

00:35:07: ist die andere Brille?

00:35:09: Wenn man eben nicht davon ausgeht, dass das Männer sind und klar, das war ein großer Körper, es war ein Mann, sondern wenn es eben jemanden gibt, der sich die Mühe macht zu gucken, es können auch Frauen einfach so groß gewesen sein in dieser Zeit.

00:35:21: Es gibt auch, zum Beispiel, Spuren, die zeigen, wer hat gejagt und dann hieß es ja der Jäger.

00:35:27: Und wenn dann aber genau geguckt wird, dann ist es halt eine Jägerin gewesen.

00:35:30: Und dass also auch diese Geschichte von die Frauen blieben zu Hause und haben gesammelt und so weiter eine sehr, eine sehr einheitliche Sicht.

00:35:38: und eigentlich wahrscheinlich auch einfach eine sehr einseitige und nicht richtige Sicht, sondern dass es eben wichtig ist, die Frau als Mensch im Verlauf dieser Geschichte auch aus diesem Schatten zu holen, auch soweit nachträglich jetzt endlich.

00:35:53: Eine Sache, die ich auf jeden Fall noch erwähnen will, weil ich sie ganz, ganz besonders toll finde, wie in allen guten feministischen Büchern, ist es eben ein wahnsinnig intersektionaler, umfassender Feminismus.

00:36:03: Es fängt zum Beispiel damit an, dass sie sagt, es wurden auch so großartig aufwendig geschmückte Gräber gefunden, zum Beispiel, wenn die Körper oder die Skelettin eine Behinderung aufgewiesen haben.

00:36:12: Also es heißt, dass sozusagen auch... es Belege gibt, dass Menschen mit einer sichtbaren Behinderung im Skelett trotzdem wahnsinnig auffällig begraben wurden und also für das Wort Verehrung nicht benutzen, aber dass unsere archaische Natürlich hat man die nächste Klippe untergeschmissen, weil sie dem Stamm nicht taugten, dass die nicht richtig sein muss.

00:36:35: Sie geht in die Biologie und schaut sich unsere nächsten Verwandten an, die Menschen achten Schimpansen und Bonobos, die uns am nächsten sind.

00:36:42: Sie guckt, warum sind Schimpansen und Bonobos so unterschiedlich?

00:36:44: Warum ist es bei Schimpansen so unfassbar?

00:36:48: Konkurrenzdenken, das ist ein männlich geprägte Lebensweise Schimpansenpatriarchat.

00:36:55: Und belegt daran oder ... in großartigen Bildern und eben tollen Texten zeigt sie eben, wie dieses Leben in so Schimpansenvermenden funktioniert und legt die Bonobos daneben, die eher weiblich dominiert sind, die eher an Kooperationen interessiert sind, die wenig auf Kampf aus sind, die ganz andere Dinge tun.

00:37:16: Und was eben auch dazu gehört, ist, dass es sich dann die Kinder, und ich versuche es ganz schnell zu machen, aber es ist eine ganz großartige Nebengeschichte, die aber einen großen Kern ausmacht, finde ich, die Söhne und Töchter sozusagen der ersten Menschen in Süd- und Westafrika anschaut, also sie geht in der Geschichte eben immer so ein bisschen weiter und dann eben auch guckt, was ist mit denen bis heute passiert?

00:37:39: Also es geht dann fast bis in die Gegenfahrt rein, also auch wo so Reservate gegründet wurden, um Tiere zu schützen, wo wir sozusagen für das Wohl von Tieren Menschen geopfert haben, weil wir deren Lebensraum und Lebensweise zerstört haben, das sind so Langstreckenjäger gewesen, dann haben wir die Reservate abgesteckt für die Tiere.

00:37:58: Dann haben wir aber so Touris erlaubt, also wir nicht, aber die Regierung dort, Touris vor Ort natürlich für eine gewisse Abschussquote durchaus groß will zu jagen.

00:38:07: Aber diesen Menschen, die da seit Jahrhunderten, Jahrtausenden ansässig gewesen sind und ein gutes Leben sozusagen geführt haben, den haben wir dann verboten, bis hin zu Fracking und Diamantenminen, die plötzlich dort schonen.

00:38:20: Brunnengraben dürfen, aber sie dürfen es diesen indigenen Völkern sozusagen nicht zur Verfügung stellen, weil für die ist es gesperrt.

00:38:26: Und eben auch so eine Kapitalismuskritische, eine klimapolitisch relevante Sicht, die da eben auch noch in dieses Buch reinkommt.

00:38:35: Und deswegen hoffe ich, es gibt nicht nur einen zweiten Dritten, sondern auch irgendwann einen vierten und fünften Teil.

00:38:39: Also einen zweiten gibt es auf jeden Fall.

00:38:40: So wie

00:38:40: eine feministische Hararie, oder?

00:38:42: Eben, ja.

00:38:43: Es ist eigentlich eine feministische Kunst, Kultur, Biologie Erzählung, die hier in der Eiszeit endet, auch wenn es immer mal peaks bis später gibt.

00:38:52: Ich bin ganz, ganz froh, dass ich dieses Buch gelesen habe.

00:38:55: Und wird auch erzählt, wer diese Figuren gemacht hat.

00:38:59: Das finde ich ja dann auch interessant.

00:39:00: Ja, es geht auch

00:39:01: mit rein.

00:39:02: Haben das dann die Frauen geschnitzt oder die Männer?

00:39:04: Oder spielt das denn eigentlich so eine große Rolle und ist eigentlich erst unser, sag ich mal, neu zeitlicher Blick.

00:39:10: Einer, der so sehr die Frau vom Mann differenziert betrachtet und das die vielleicht in der Steinzeit meinen Wegen.

00:39:18: wo es noch gar nicht so eine große Rolle gespielt hat.

00:39:21: Also vielleicht waren die in gewisser Weise da fortschrittlicher als Gesellschaft als wir heute, weil man als Frau viel mehr Chancen hatte, in der Gesellschaft alles zu werden als heute.

00:39:30: Weißt du was ich meine?

00:39:31: Ja, aber das ist jetzt ein bisschen kompliziert zu sagen, weil es natürlich auch irgendwie sich gewechselt hat, je nachdem, wer was gemacht hat, auch das hinterfragt sie natürlich.

00:39:41: Also wer hat das gekünstelt?

00:39:44: Also wer hat die Kunst gemacht?

00:39:46: Wer hat die Kunst dann später eingeordnet?

00:39:48: Und das ist aber natürlich auch Schwankungen unterlegen und auch das eben dieses, dass unser Bild auch geprägt ist aus einer Zeit, als diese archäologischen Funde gemacht wurden, die oft nicht richtig datiert werden konnten, wo oft Mangelstechnik... auch ein relativ beschränkter Blick nur möglich war.

00:40:05: Der wurde von Männern gemacht und diese Männer haben es in Lehrbücher geschrieben und aus diesen Lehrbüchern lernen wir eben heute noch.

00:40:10: Also, dass sich sowas eben sozusagen auch über lange, lange Strecken und Generationen erst wandeln muss.

00:40:15: Und deswegen ist es halt so wichtig, dass es auch für so Dinge, wo man eben so Steinzeitmenschen, da denkt man irgendwie, erhorden von männlich dominierten, toxisch maskulinen Typen und Uli Lust zeigt halt eine Variante, wie sie vielleicht auch gewesen sein kann mit Frauen, die eben zu Handel und zu Tausch, also zu Handel vielleicht noch nicht, aber zu so einem Kooperieren, wo es eben auch nochmal darum geht, was hat der Mensch davon, anderen abzugeben?

00:40:44: Was haben wir davon, die Horde zu erhalten?

00:40:46: Ja und warum?

00:40:47: ist das nicht bloß Güte, sondern es ist auch ein ganz praktischer, sinnvoller Weg sozusagen, das Fleisch, was du erbeutet hast, mit möglichst vielen deiner Leute zu teilen, auch mit den aus anderen Gruppen, wenn es viel war.

00:40:59: Also auch ein anti-rassistischer Gedanke.

00:41:02: Ich merke schon, ich drehe hier gleich wieder im Rad, weil das einfach so viel ist, was Uli Luster verhandelt.

00:41:06: Und man liest es mit Staunen und fängt dann wieder von vorne an, weil es eben also wirklich strotzt vor Informationen, aber auch vor einer... Vor einer Leichtigkeit und einer Durchgängigkeit, mit der sie es erzählt.

00:41:17: Und ich habe die ganze Zeit so oft gedacht, war, wie toll, dass du das alles weißt.

00:41:20: Und ich, das jetzt so auf diese schöne Weise in diesem Bild, Sprech, Text, Kästchen, mir so leicht reinverhelfen kann.

00:41:31: Und trotzdem ja einfach so mal eine eigene Denkmaschine danach in Gang setze.

00:41:35: Ja.

00:41:35: Kannst du noch einen Satz so zum Strich sagen oder zum Visimal?

00:41:38: Ja, also

00:41:39: ich finde, sie malt, also ich mag es ja häufig, also es ist auch... unterschiedlich, das haben wir jetzt, ich habe jetzt mal eine Seite aufgeschlagen, da sind jetzt eher so fünf relativ großformatige, aber es gibt schon auch so die ganz klassischen Comic Strips, die sich so durchziehen mit auch ordentlich Text, sodass man

00:41:55: auch

00:41:56: was erfährt.

00:41:57: Sprechblasen gibt es nicht so vieles machen.

00:41:58: Ja, naturalistische Farben würde ich sagen, also

00:42:02: der

00:42:03: Himmel ist blau wie dieses grünen.

00:42:05: Ja,

00:42:06: Apens und Rot.

00:42:08: Nächstes ist es total, ich mochte diese Kombi auch total gerne.

00:42:12: Ich habe das Gefühl, wenn so mein Biologieunterricht, wenn so mein Geschichtsunterricht gewesen wäre, ich hätte eine sehr gute Schulzeit gehabt.

00:42:21: Das

00:42:22: habe ich lange gequatscht.

00:42:23: Wirklich lange

00:42:24: gemacht.

00:42:26: Ich fand das sehr informativ.

00:42:29: Uli lost auch verdient.

00:42:30: Deshalb jetzt das auch hoch.

00:42:32: Das passt der Vorrang, Ludwig.

00:42:34: Da bist du jetzt ja in der Vorbereitung jetzt so gedacht, oh jo jo Ludwig, wieso nimmst du dir immer sowas vor?

00:42:39: Aber ich versuche es trotzdem jetzt mal gut hinzukriegen.

00:42:41: Und zwar habe ich dir und uns mitgebracht, Extremwetterlagen, Reportagen aus einem neuen Deutschland von Alexander Leisner, Manja Prekels, Tina Prussmann und Barbara Theriot.

00:42:58: Das ist jetzt ganz...

00:42:59: Manja Prekels kenn ich.

00:43:00: Genau, ganz frisch im Verpresservalag erschienen.

00:43:04: Ein Berliner Verlag, den wir jetzt gerade mal zum trächtigsten Geburtstag gratulieren können.

00:43:09: Auf den Verpresservollag.

00:43:11: Tschüss.

00:43:12: Schaut das unbedingt mal das Verlagsprogramm an.

00:43:15: Sehr guter Verlag.

00:43:16: Und genau, ein Verpresservollag ist vor ein paar Jahren zum Beispiel in einer der, wie es finde, besten Romanium über Ostdeutschland nach Ninzehnundneunzig erschienen.

00:43:21: Nämlich als Hitler Schnaps.

00:43:21: Als es mit Hitler Schnaps war.

00:43:22: Als es mit Hitler Schnaps war.

00:43:23: Als es mit Hitler Schnaps war.

00:43:23: Als es mit Hitler Schnaps war.

00:43:24: Als es mit Hitler Schnaps war.

00:43:25: Als es mit Hitler Schnaps war.

00:43:26: Als es mit Hitler Schnaps war.

00:43:27: Als es mit Hitler Schnaps war.

00:43:27: Als es mit Hitler Schnaps war.

00:43:28: Als es mit Hitler Schnaps war.

00:43:29: Als es mit Hitler Schnaps war.

00:43:29: Als es mit Hitler Schnaps war.

00:43:30: Als es mit Hitler Schnaps war.

00:43:31: Als es mit Hitler Schnaps war.

00:43:32: Als es mit Hitler Schn auf dieser Reportagesammlung gesehen habe, habe ich gedacht, das will ich unbedingt lesen, weil mir das Thema Ostdeutschland und deutschdeutsche Gesichter auch sehr interessiert.

00:43:41: Hier geht es darum, der Alexander Leisner, der ist ein Dozent an der Uni Leipzig und der hat so eine Art sozologisch-literarisches Forschungsprojekt ins Leben gerufen, nämlich die ... Überlandschreiberin und hat dafür ... ... Ausgangspunkt war das Jahr ... ... zwei Tausend vierundzwanzig, ... ... war es auch so eine Art Superwahl, ja ... ... war, also es wurde das EU-Parlament gewählt, ... ... in den USA wurde gewählt ... ... und in drei anderen sehr, sehr ... ... international wichtigen Ländern ... ... in Sachsen, Thüringen und Brandenburg ... ... wurde der Landtag gewählt.

00:44:18: Das ist so die Ausgangslage ... ... und ... ... der Alexander Leistner und sein Team, ... ... die haben da so gedacht, na ja, wir sammeln ... vielleicht mal so, oder machen wir eine soziologische Untersuchung in diesen Ländern, was passierte eigentlich gerade?

00:44:32: Also so eine Art Beobachtungsagenda.

00:44:36: Und dann hat er für Brandenburg, hatte man ja Prekels angesprochen, für Sachsen, Tina, Brussmann und für Thüringen, Barbara, Theriot.

00:44:46: Und die sind dann losgezogen und haben jeweils besonders so in Kleinstätten und in den Dörfern beobachtet.

00:44:56: Was die dort sehen, wie so die Stimmung dort, was passierte eigentlich gerade und haben damit so zu logischen, journalistischen und literarischen Mitteln gesagt, was ist so.

00:45:08: Und zum Beispiel die Tina Postmann, die das in Sachsen gemacht hat, die ist mit den Fahrrad dann so durchs Erzgebirge gefahren.

00:45:14: Das ist ganz interessant, weil sie da zum Beispiel durch Frankenberg gefahren ist.

00:45:18: Das ist so eine kleine Stadt in der Nähe von Chemnitz.

00:45:21: wo zur Ostseite das längste Fließband der DDR stand, da wurde der Barkas, glaube ich hieß das, oder wir haben das auch B-thausen genannt, so ein Admini-Lkw, der in der DDRvier gefahren wurde.

00:45:33: Ich dachte, das wäre so ein VW-Bus

00:45:34: gewesen.

00:45:34: Ja, oder sowas ähnlich, so ein kleiner, so ein Aussi-VW-Bus, genau.

00:45:39: Der wurde da gebaut und sie fährt da so lang und guckt sich diese Industrieruinen an und reflektiert dann anhand dessen darüber.

00:45:49: dass nach der Wende eigentlich ein Großteil der Industrie, die das aus Deutschland gab, abgewickelt wurde.

00:45:57: Also die zum Teil sehr schönen Gebäude, die wurden verlassen, die alle, die dort gearbeitet haben.

00:46:02: Das waren sehr viele Menschen, die haben in der Regel ihre Jobs verloren.

00:46:06: Und das alles, was über Jahrzehnte auch diese Region geprägt hat, was denen eine Identität gegeben hat, wurde durch die Wende praktisch.

00:46:17: Wertlos.

00:46:17: Aber das ist ja nur wirklich ausführlich thematisiert.

00:46:20: Das

00:46:20: ist ausführlich thematisiert.

00:46:21: Genau, sie entdeckt dann zum Beispiel auch noch so ein kleines Außenlager oder so eine Konzentrationslager und so, wo so Häftlinge halt zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden und so was.

00:46:33: Über sowas erzählt sie, genau, da hast du vollkommen recht.

00:46:36: Das ist relativ ausserzlig.

00:46:38: Genau, haben wir auch schon ein bisschen gelesen.

00:46:41: Die Barbara Teriot, die lässt sich in Thüringen in so einer Lokalzeitung anstellen und geht dann so durch die Städte und merkt, eigentlich gibt es hier nur noch alte Leute.

00:46:54: Es gibt überhaupt keine jungen Leute mehr.

00:46:57: und dann setzt sie sich mit diesen alten Sohnen an eine Kneipe und merkt, die haben aber noch ganz schön lebenslos und die freuen sich und die haben sich, die erinnern sich gerne an früher und sowas.

00:47:05: Und das ist eigentlich auch so eine Gegenerzählung zu diesen, alle schimpfen immer nur und alle sind böse und sowas.

00:47:11: Sie hat auch mal eine Zeit lang als Friseurin gearbeitet, obwohl sie eine kanadische Professorin ist, also die ist habilitiert und arbeitet an der Uni Erfurt, also hochgebildet, aber hat trotzdem als Friseurin gearbeitet, um so ein bisschen diese sozialwissenschaftliche Forschung zu betreiben.

00:47:27: Und gibt es auch eine Stelle, wie sie diese Friseuren beschreibt, das ist wirklich sehr, sehr lustig auch.

00:47:33: Und nennt noch mal so einen anderen Blick, fand es auch relativ neu.

00:47:37: Sehr

00:47:38: krass.

00:47:38: Das ist ja auch die Kombi von so verschiedenen Blickungen.

00:47:40: Das

00:47:41: ist alles sozusagen

00:47:41: losgehen und sich wie in so eine Wildnis aussetzen lassen oder wie in so ein Abenteuer aussetzen lassen und zu gucken, okay, mit welchen Mitteln kann man jetzt schauen, auch üben.

00:47:54: Und ja, genau.

00:47:54: Und ich fand auch daran so bezeichnend.

00:47:58: Wir sind halt jetzt nach Berlin gezogen und vielleicht auch ein bisschen weg aus diesen eher ländlichen Regionen und Ostern, wo wir aufgewachsen sind.

00:48:05: Und also zumindest weiß nicht, wie das bei dir ist.

00:48:08: Ich bin aber auch bewusst so weggezogen aus dieser Region, weil ich mich total nicht so wohlgefühlt habe, weil dieses Milieu und das fand ich dann auch interessant.

00:48:16: Das macht zum Beispiel Manja Prekels, die schreibt darüber, wie sie halt Anfang der neunziger Jahre, das macht sie auch in einem Schnapsküssenbuch.

00:48:23: So wie diese Neonazis halt zu stangen.

00:48:25: Die haben halt so Springerstiefe an und es gibt eine unglaubliche Gewalt.

00:48:29: Auch der Alexander Leisner schreibt in einer Stelle, wie er sich in seinen...

00:48:33: Wo ist der Alexander Leisner?

00:48:35: Auch in Sachsen.

00:48:36: Wie er sich in der sächsischen Provinz, in den neunziger Jahren, war er eher in der linken Szene unterwegs und da wurde so ein Punk von Neonazis halt totgeschlagen.

00:48:46: Und das geht auch viel halt um diesen rechtsradikale Gewalt.

00:48:51: Und dann das hat in mir auch so diese Erinnerungen wieder so ein bisschen wachgerufen, weil ich bin halt auch in den Neunzigerjahren in der ausdeutschen Provinzstadt aufgewachsen.

00:49:00: Und es gab es halt damals wirklich, dass man überlegt hat, wo ich nachts lang und wohne ist.

00:49:04: Und ich wusste, es gab halt gewisse so gerade Plattenbaufürtel.

00:49:07: Da bin ich halt nachts nicht durchgegangen, weil ich wusste, wenn ich da bestimmte Gruppen begegne, dann geht es mir richtig schlecht.

00:49:13: Hast du Trauma-Land von

00:49:13: Assaldadan?

00:49:15: hast du nicht gelehrt?

00:49:15: Noch nicht, aber du hast es irgendwie.

00:49:17: Ich muss

00:49:18: das mitbringen, ist wirklich.

00:49:20: Und ich lag zum Beispiel auch im Krankenhaus wegen solchen Gruppen.

00:49:23: Also ich hab auch alle meine Freundinnen haben Gewalterfahrung durch Neonazis.

00:49:29: Das war völlig normal in dieser Zeit, aber ich hab das irgendwie so ein bisschen verdrängt, muss ich so alles zugeben.

00:49:34: Und ich hab auch verdrängt diese Angst, dieses Unbehagen und diese Stimmung in einer Stadt, in der Gruppen die Klatzen haben und Springenstiefel tragen, durch die Stadt laufen können und eigentlich... keine Bedrohung finden selber.

00:49:47: Das ist wie die das oberste klietende Nahrungskette.

00:49:50: Es gibt niemanden, der sie sanktioniert.

00:49:53: Und dann schreibt man ja Prekels, dass sie halt in einer Schule gelesen hat aus ihrem Roman.

00:49:59: Und da saßen halt ganz hinten welche, da hat sie wie so ein Flashback gehabt, die sahen halt aus wie in den neunzigern Jahren, die haben halt Klatzen gehabt, die waren irgendwie vierzehn oder fünfzehn ganz jung im Jahr zwentausend vierundzwanzig, haben Springerstief angehabt und alles, haben so ganz offen diese Neonazi-Symboler eigentlich getragen.

00:50:17: Und sie meinte so, ja, was ist das eigentlich für ein Backlisch, was kippt da und die Spressen da auch, das finde ich so, die Spressen da so von... Epochenschwelle oder von Kipppunkten, was die alle in unterschiedlichen Orten so diagnostizieren.

00:50:33: Das würde

00:50:33: ja bedeuten, dass es mal weg gewesen ist.

00:50:35: Ja, oder ja, vielleicht.

00:50:37: Und das

00:50:37: ist, glaube ich, auch echt auch so

00:50:38: eine ... Genau, das ist eine gute

00:50:39: Theorie.

00:50:40: Eine Gnade der deutschen ... ... vielleicht Staatsangehörigkeit oder sowas, weil es war für viele Leute.

00:50:46: Und deswegen sage ich das so, weil es mir war, als da dann so ganz präsent war.

00:50:49: Für viele Leute war das nie weg.

00:50:51: Das kippt nicht, sondern das ist die ganze Zeit da.

00:50:55: Aber jetzt ist es vielleicht so, dass diese Ideologien und diese Gewalt halt immer mehr in politische Machtpositionen kommt.

00:51:06: Und dass es halt jetzt auch durch die Wahlen, die es halt im Jahr ist, in diesen Bundesländern gab, halt die AfD oft in den einzelnen Landkreisen bekommen hat und damit wirklich so kurz davorstehen.

00:51:20: die politische Macht zu bekommen.

00:51:22: und dann werden zum Beispiel diese ganzen ja Freizeitzentren, Jugendzentren, die ganzen Vereine werden verboten und sowas, die sich dem entgegenstellen

00:51:31: können.

00:51:32: Alles was auch irgendwie so eine Gegenbewegung auslösen könnte, alles was so eine queere Community stärkt oder eine Community in der irgendwie Vielfalt geschätzt wird, da werden halt irgendwie auch so Clubs geschlossen, Gelder abgezogen und das stimmt schon.

00:51:46: Genau.

00:51:48: Und je mehr es ist, sozusagen der demokratische Widerstand aus diesem Region zurückzieht, dann habe ich es mir auch sehr adept gefühlt, weil es benützt hier auch uns mehr oder weniger bequem in Berlin gezwungen.

00:52:00: Und würde kein Gedanken daran verschwenden, wieder zurück in die Stadt zu ziehen, wo es aufgewachsen bin.

00:52:06: Niemals würde ich das tun.

00:52:07: Aber wenn das so viele machen, dann sind das eigentlich irgendwann so Orte, die wir halt den Rechten überlassen.

00:52:14: Und dann gibt es halt Leerstände.

00:52:15: und dann denken die Leute, ach, da könnte man ja interessanterweise einen Asylbewerber in den Heim reinbauen.

00:52:20: Ja, genau.

00:52:20: Dann haben die richtig Probleme.

00:52:21: Das ist halt echt so.

00:52:24: Dabei schreiben sie auch, dass gar nicht so alle so rechts sind.

00:52:27: Region, sondern dass es dann die Entscheidung

00:52:29: ist.

00:52:30: Wenn du dort weiter leben willst, entweder du schließtest halt irgendwelchen Resten an oder du bleibst neutral, dann wird erzählt z.B.

00:52:38: von einem Handwerksmeister so, der sagt, nein, ich laufe nicht bei diesen Demonstrationen Montags mit, weil es, wenn es oder ich laufe auch nicht bei diesen Gegend der Demonstration mit, weil sonst verlier ich vielleicht Kunden, die halt eher die AfD wählen und so was.

00:52:54: Also man muss eigentlich in so ein politisches Biedermeier rutschen, wenn man dort lebt, weil der der Widerstand immer immer gefährlich wird und nicht nur aus einer Körpergewalt Erfahrung, sondern auch aus einer Ökonomischen, weil man dann seine Kundinnen verliert.

00:53:08: Und diese Beobachtungen, die arbeiten die so, das sind meistens zehn Seiten ProTex aus ganz verschiedenen Regionen, mit jedes man ein kleines bisschen an einem Blickwinkel arbeiten die so auf, aber wenn diese Das ist ein

00:53:19: Text von denen?

00:53:20: Nee, das sind ganz viele, die haben jeder vielleicht so acht oder neun Texte da so beigesteuert.

00:53:27: Aber in dieser Kolasenhaftigkeit gibt es ein ziemlich guten Überblick darüber, wo die sozologischen Bruchstellen sind.

00:53:34: und Soziologie heißt ja auch, dass man guckt, was haben die für Hintergründe, die Leute, wie alt sind die, wie ernähren die?

00:53:41: es alles so ist.

00:53:42: Man guckt so ein bisschen auf das, was jeden Tag so die Leute bedingt.

00:53:49: Und das ist ein Extremerkenntnis generieren, finde ich.

00:53:52: Die Simone

00:53:53: Schabert fragt ganz schön.

00:53:55: Weißt du, wie lange die jeweils vor Ort waren für ihre soziologischen...

00:53:58: Es war so ein Sommer.

00:54:00: Ja, es war so ein Sommer, also so von Juni bis September, zw.iehntzwanzig.

00:54:04: Genau, aber die meisten, also die haben viel Erfahrung mit diesem Feldbeobachtungen.

00:54:09: Und ich muss sagen, ich lese oft solche Texte und es ist jetzt, es ist nicht alles wirklich neu.

00:54:14: Aber in dieser Kombination auch für mich ist eindrücklich und es stellt viele Fragen, die... Und

00:54:19: es muss ja auch immer wieder wieder ruht werden auch, ja.

00:54:22: Also ich wollte auch gar nicht absprechen, dass es ein total wichtiges Thema gerade ist.

00:54:26: Dass es nur so

00:54:27: eine

00:54:28: Radlosigkeit, die ich da auch oft so habe.

00:54:30: Heute ist Dienstag, April, November, September, zwei tausendfünfundzwanzig.

00:54:33: Donald Trump hat gerade das, was die Antifa nennt, in den USA verboten und es zeigt vielleicht nochmal, wie wisst ihr es, einfach immer wieder antifaschistischer Widerstand ist.

00:54:42: Aber Kimmel ist weg.

00:54:44: Kimmel ist weg.

00:54:45: Kimmel ist weg, ja genau.

00:54:46: Aber das Buch zeigt, wie wichtig dieser Widerstand ist.

00:54:48: Deswegen lest alle Extremmetallagen aus dem Verbrecher Verlag.

00:54:51: Motivian, wo immer wir können.

00:54:54: Oh Mann, es wird jetzt aber schwieriger.

00:54:56: Ich mache jetzt die Überleitung ganz schnell.

00:54:57: Der Absacker.

00:54:58: Zum Schluss, es gibt ein neues Buch von Antonia Baum, die ich finde, seit Siegfried, seit ihrem letzten Roman zu einer der absolut großartigsten deutschsprachigen Autorinnen unserer Zeit, Zähle.

00:55:11: In acht Wochen hat sie etwas ganz Interessantes gemacht.

00:55:14: Sie hat ein sehr knappes Buch geschrieben.

00:55:16: Also es ist wirklich so schmal.

00:55:17: Ich muss mal gucken.

00:55:18: Keine Hundertsechzigseiten glaube ich.

00:55:20: Ach Quatsch.

00:55:20: Hundertzwanzigseiten.

00:55:22: Schon wieder überschätzt Maria.

00:55:24: Hundertzwanzig Seiten und sie begleitet darin.

00:55:28: Laura, Laura schreibt gerade ihre Dessertation.

00:55:30: Laura hatte mal eine Abtreibung vor einigen Jahren.

00:55:33: Laura hat eine zweieinhalbjährige Tochter.

00:55:34: Laura ist mit Aram zusammen.

00:55:36: Laura hätte jetzt gerne noch ein Kind.

00:55:37: Während sie in ihrer Dessertation arbeitet, jobbt sie nebenberuflich sozusagen dreimal die Woche in einer gynäkologischen Praxis.

00:55:46: Und jetzt ist Laura wieder schwanger.

00:55:47: Sie glaubt, dass sie sich freut.

00:55:49: Sie ist auch eigentlich gar nicht mehr so richtig sicher und Aram ist irgendwie weg.

00:55:55: Diese Geschichte erzählt in so einem Stream of Consciousness über so, ich würde sagen, drei Tage, was Laura an sich selber beobachtet, was Laura an Frauen in dieser gynäkologischen Praxis beobachtet, die eben auch Abtreibungen durchführt.

00:56:09: Und wirft, finde ich, total universelle, interessante und nicht... sich verändernde, dass vielleicht als Schwank auch dazu Fragen auf nach dem, was Mutterschaft und Nichtmutterschaft und Selbstbestimmung auch immer noch bedeuteten, was sich über die ganzen Jahre und Zeiten fast bis zurück zu Uli Lust anfängt, gar nicht so sehr verändert hat, nämlich dass die Verantwortung für den Körper der Frau im Idealfall bei der Frau liegt.

00:56:39: Aber es, ihr von der Gesellschaft einfach auch wahnsinnig schwer gemacht wird, weil sie eigentlich in dem Moment, wo sich dann irgendeinerweise ein Kind befindet, zu so einer Art Allgemeingut auch wird, zu dem jeder irgendwie was zu sagen hat und die vor allem auch jede Entscheidung nur falsch treffen kann.

00:56:55: Und das ist ein großartiges.

00:56:57: Außen finde ich, es ist eines der Bücher mit einem Tina Berning Cover, mit dem allerschönsten Cover des Jahres.

00:57:02: Das muss ich auch nochmal

00:57:03: kurz sagen.

00:57:03: Sehr herosachig.

00:57:04: Achte Woche von Antonia Baum, ein sehr, sehr knappes, aber ganz, ganz... Poetisches, tolles, wichtiges Buch.

00:57:10: Das war ein Absage, das war jetzt schnell.

00:57:13: Ja, deswegen sage ich es auch nichts weiter.

00:57:17: Ich habe noch ein Buch mitgebracht, was viele von euch aus Hannesong gesehen haben.

00:57:23: Christine Billkau, Halbinsel, das ist im Luchterhandverlag im Frühjahr schon erschienen, oder sogar letztes Jahr, ich weiß es ganz.

00:57:29: Auf jeden Fall hat es im Frühjahr den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Bälle Tristik gewonnen.

00:57:35: Ich finde es sehr zu Recht, weil es wirklich ein großer Roman ist, daran geht es um eine Tochter und eine Mutter.

00:57:41: und die Tochter ist so eine Umweltaktivistin, sie spricht auf einem Kongress und auf einmal fällt sie um und hat wie so eine Art Blackout, muss ins Krankenhaus kurz und geht dann zu ihrer Mutter nach Haus um, die da irgendwie sich so ein kleines, ja, in so einem kleinen Haus wohnt und so war es alles eher so zurückgezogen auf dem Land.

00:58:02: haben wir wieder den Stadtlandkontrast und die Mutter denkt, naja, ich pepple die Woche, die Tochter halt in der Woche auf und dann geht es der wieder gut und die geht wieder, keine Ahnung, nach Rumänien und rettet da die Berne oder was weiß ich, was die macht oder hält irgendwelche Vorträge in internationalen Konkressen.

00:58:20: Denkt sie, aber dann bleibt die Tochter.

00:58:23: Und die bleibt nicht nur eine Woche und nicht nur zwei Wochen, sondern viel länger.

00:58:25: Und dann holt es sich so an der Stelle an der Bäckerei und sagt so, auch wer ist, bleibt er hier jetzt.

00:58:30: Und dann wird die Mutter so konfrontiert mit den Wünschen, die sie eigentlich für ihre Tochter hat, nämlich dass sie halt in die Welt hinausgeht und irgendwie akademische Karriere macht und was weiß ich nicht alles.

00:58:40: All die großen Dinge, die man sich so für seine Kinder vielleicht wünscht und die Tochter wieder bricht aber dem allen.

00:58:47: Und da entfaltet sich dann auch so ein Generationenkonflikt, so zwischen diesem ökologischen gesellschaftskritischen Bewusstsein der Tochter und dem, was die Boomer Mutter, muss man dann wirklich auch so sagen, auch angerichtet hat in ihrer Generation.

00:58:59: Und die beiden Wände stehen also auch symbolisch für diesen Generationenkonflikt, den sie aber da auf so eine filigrane, psychologisch kluge, poetische, zurückhaltende, zugewandte, empathische Art auffaltet, dass man, also ich habe selten von so einer zarten Mutter-Tochter-Beziehungen gelesen, die gleichzeitig so intensiv und so hart ist.

00:59:21: Und dann gibt es eine der schönsten Szenen, die ich bis jetzt dieses Jahr in der deutsch-parigen Literatur gelesen habe.

00:59:27: Die müssen die machen in der Wattwanderung zusammen, sind ja auf Husum.

00:59:30: Und sehen dann ein Pferd und das haut aber da irgendwie ab und rennt so ins Watt hinaus.

00:59:36: Und dann denkt man ja, okay, wenn das Wasser kommt, geht es dem Pferd halt schlecht.

00:59:40: Und dann wird es so zwei Wochen lang gesucht, so ein Schimmel.

00:59:43: Und es gibt nicht so auch den Schimmelreiter, oder so, da passiert das, glaub ich auch.

00:59:47: Und dieses Bild von diesem Pferd, was den Horizont trennt und eigentlich die Natur, die in ihren Tod trennt.

00:59:55: Aber man weiß es nicht.

00:59:56: Und dann taucht das Pferd immer mal wieder auf und wird gesichtet und dann ist es wieder weg.

01:00:00: Aber auch diese gruselige Ebene, wo man nicht so richtig weiß.

01:00:02: Ja,

01:00:03: das ist wie so schwarze Romantik.

01:00:05: Und das kommt dann auch zu diesem eher so harten Mutter-Tochter-Beziehungstrama hinzu.

01:00:12: Wie sie das so miteinander verschraubt, ist sehr, sehr, sehr beeindruckend.

01:00:17: Christine Bülko, Halbinsel.

01:00:19: Großartiges Buch.

01:00:20: Ein großartiger Mutter-Tochter-Roman.

01:00:22: Nicht nur.

01:00:23: Und ein Küsten-Roman.

01:00:25: Menschen-Roman.

01:00:28: Wir sehen uns das nächste Mal am siebenundzwanzigsten Oktober zufolge, siebenundsebzig.

01:00:31: Wir freuen uns, wenn ihr wieder einschaltet.

01:00:33: Bedanken der Stabi, dass wir hier sein durften und... dass wir hier Obdach hatten, dass wir unter den Linden über die Literatur reden durften.

01:00:43: Genau, danke euch fürs Zuhören und Zuschauen.

01:00:53: Das war Blauswärts Berlin, der Literatur-Podcast.

01:00:56: Live aus der Staatsbibliothek Berlin.

01:00:59: Vielen Dank

01:01:00: fürs Zuhören.

01:01:00: Wir hören uns im nächsten Monat.

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